AKTUELLES | 31.01.2018

Das Team der Hoppetosse

Auf dem Weg zum inklusiven Kindergarten

Wie lässt sich inklusive Pädagogik im Kita-Alltag umsetzen? Unsere "Hoppetosse" erzählt, wie schon kleine Schritte viel bewirken können.

Zwei Jahre lang hat unser Kindergarten "Hoppetosse" in Lichtenberg an dem Projekt "Inklusion in der Praxis von Krippen" der Fachstelle Kinderwelten für Vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung in Berlin teilgenommen. Heute ist sie eine von zwei Konsultationskitas in unserem Träger. Regelmäßig erhält sie Besuch von interessierten Pädagoginnen und Pädagogen, die von den Erfahrungen des Teams lernen möchten. In kleiner Runde erzählen Kita-Leiterin Marina Zerahn und vier ihrer Kolleginnen von ihrem Weg zum inklusiven Kindergarten und wie dies schon in kleinen Schritten gelingen kann.

Das Inklusionsprojekt ging 2014 offiziell zu Ende. Was haben Sie nach Abschluss des Projekts zuerst im Kindergarten verändert?

Marina Zerahn (Kita-Leiterin): Die Veränderungen stellten sich schon während des Projektes ein. Eine Neuerung war die Neugestaltung unseres Eingangsbereichs. Hier stellen wir nicht mehr nur das Team und die Elternvertretungen namentlich und mit Foto vor, sondern auch jedes unserer Kinder. Auf dem großen Segel unseres Markenzeichens, dem Holzboot vor der Treppe, ist heute jedes Kind mit Foto, Namen und seiner Gruppe abgebildet. Wenn morgens die Eltern mit ihren Kindern ankommen, fühlen sie sich so besonders willkommen, gesehen und zugehörig und kommen meist gleich miteinander ins Gespräch. "Willkommen" steht auf unserer Eingangstür nun übrigens in mehreren Sprachen geschrieben. Auch ein Ergebnis des Projekts.

Christin Müller (Pädagogin): Fotos der Kinder finden sich inzwischen überall: in der Garderobe, an den Fächern in den Räumen, im Geburtstagskalender, an den Sprachlerntagebüchern. Früher haben wir auch schon mit Fotos gearbeitet. Das Inklusionsprojekt hat uns dazu animiert, dies noch konsequenter umzusetzen.

Was war die größte Botschaft, die Sie aus dem Projekt mitgenommen haben?

Zerahn: Die größte Erkenntnis war eigentlich, dass Inklusion vor allem vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung meint und sich mit ihren Methoden in der Kita-Praxis umsetzen lässt. Wir haben uns im Zuge des Projektes nicht nur damit auseinandergesetzt, wie wir mit den Kindern und Familien umgehen, sondern auch, wie wir uns untereinander begegnen. Die Reflexion der Arbeit im Team war ein wichtiger und gleichberechtigter Bestandteil. Wir sind für die Ganzheitlichkeit von Inklusion sensibiliert worden.

Cornelia Zielinski (Facherzieherin für Integration): So frage ich mich zum Beispiel bei Kindern mit erhöhtem Förderbedarf genauso wie bei anderen Kindern, wo ich am besten ansetzen kann. Das kann unter Umständen schwieriger sein als bei anderen Kindern, aber es macht für mich und für uns keinen Unterschied. Isolierte Fördersituation sowohl für Kinder mit als auch ohne Förderbedarf gibt es nicht mehr. Alle Kinder haben das gleiche Recht auf individuelle Wahrnehmung und Betreuung.

Kind mit Pusteblume
Inklusion heißt für uns, gemeinsam zu wachsen, und ist Schwerpunkt unserer Trägerphilosophie. Erfahren Sie mehr!

Welche Ziele hat inklusive Pädagogik im Kindergarten?

Heike Kraft (Facherzieherin für Integration): Ein Ziel ist es, um mit einem Beispiel darauf zu antworten, Sätze wie "Ich brauche mal drei starke Jungs zum Tragen." nicht mehr zu sagen. Und wenn wir sie versehentlich sagen, dass wir dies reflektieren, in dem Moment, immer wieder, am besten gemeinsam im Team. Es gilt also, Zuschreibungen und Stigmatisierung zu vermeiden, keine Rollenbilder zu bedienen und jedes Kind in seiner Individualität wahrzunehmen.

Müller: Ja, es geht darum, jedes Kind in seiner Identität zu bestärken, Vielfalt zu leben und erlebbar zu machen und zum kritischen Denken über Vorurteile anzuregen.

Was würden Sie anderen Teams empfehlen, die sich auf den Weg zum inklusiven Kindergarten begeben wollen?

Zerahn: Wir würden jedem Kindergarten und Team empfehlen, sich extern in dem Prozess begleiten zu lassen. So hatten wir damals nicht nur Teamfortbildungen mit umfangreichen Materialien, sondern jeden Monat eine pädagogische Beratung durch die Projektbetreuer bei uns vor Ort. Sie haben sich mit uns gemeinsam unsere Räume angesehen. Für uns war dieser neutrale Blick von außen sehr lohnenswert.

Müller: Es muss dabei nicht gleich das ganz große Projekt sein. Oftmals reichen auch schon kleine Schritte. Ein Kindergarten könnte damit beginnen, einen Coach zur inklusiven Pädagogik zunächst nur für einen Tag einzuladen, um in einem ersten Teamgespräch grundsätzliche Fragen zu beantworten. Was ist Inklusion eigentlich? Wo müssten wir ansetzen? Das Team hätte so einen ersten Impuls für die weitere Arbeit an diesem Thema. Kleinigkeiten wie das Anbringen der Kinderfotos überall, lassen sich problemlos sofort umsetzen.

Wie können Politik und Gesellschaft diese Prozesse in den Kindergärten unterstützen?

Antje Rudolf (Pädagogin): Es braucht zunächst mehr Personal und einen noch besseren Personalschlüssel. Auch die Inhalte und Qualität der Erzieherausbildung müsste verbessert werden. Früher umfasste die Ausbildung für die Altersgruppen 3-6 drei Jahre und konzentrierte sich ausschließlich auf die Kindertagesbetreuung. Heute ist diese neben der Grundschulpädagogik und Jugendarbeit nur einer von drei Ausbildungsschwerpunkten.

Zielinski: Das Personal, die Zeit und der Raum für inklusive Pädagogik muss später auch in der Schule vorhanden sein. Jedes Mal, wenn ich ein Kind mit erhöhtem Förderbedarf in die Schule entlasse, frage ich mich, habe ich alles richtig gemacht? Habe ich das Kind gut vorbereitet? Denn oftmals fangen die Herausforderungen erst hier an.

Kraft: Beim Thema Inklusion ist auch ein Umdenken und mehr Toleranz in der Gesellschaft gefragt. Familien mit förderbedürftigen Kindern spüren oft einen großen gesellschaftlichen Druck, ein "normales" und leistungsstarkes Kind zu haben.

Wann ist inklusive Pädagogik im Kindergarten gelungen?

Kraft: Wenn wir mit den Kindern gemeinsam über Vorurteile und vorurteilsbewusstes Handeln sprechen, sie das für sich als richtig empfinden und für ihr Leben mitnehmen, haben wir unseren Auftrag erfüllt.

Menschen stehen im Kreis

Weitere Informationen und Kontakt:
Marina Zerahn (Kita-Leiterin "Hoppetosse")
Telefon: (030) 5573 9860
E-Mail: kindergarten.hauptstrasse[at]kigaeno.de

Weiterführende Links:
Fachstelle Kinderwelten für Vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung:
https://situationsansatz.de/fachstelle-kinderwelten.html

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