Fachtag | 04.12.2018

Prof. Dr. Jörg Maywald, Geschäftsführer der Deutschen Liga für das Kind
Prof. Dr. Jörg Maywald, Geschäftsführer der Deutschen Liga für das Kind

"Dürfen Kinder jetzt alles selber entscheiden?"

Jeden Tag unterstützen unsere Pädagoginnen und Pädagogen Kinder auf ihrem Weg zu einem autonomen, selbstbewussten und aktiven Leben. Es gehört zu unserem Bildungsauftrag, Kindern entwicklungsabhängig und individuell eine Stimme zu geben und Kinderrechte in den Fokus zu setzen.

Im Mittelpunkt des diesjährigen Bildungstages am 27. November 2018 stand deshalb das Thema „Dürfen Kinder jetzt alles selber entscheiden? – Kinderrechte im Kindergarten“. 110 Pädagoginnen und Pädagogen des Eigenbetriebes Kindergärten NordOst besuchten diese lehrreiche und motivierende Veranstaltung.

Prof. Dr. Jörg Maywald, Geschäftsführer der Deutschen Liga für das Kind, rückte in seinem Hauptreferat zum Thema „Kinder beteiligen, fördern, schützen - Kinderrechte im Alltag der Kita verwirklichen“ die fachpolitischen Dimensionen der Umsetzung von Kinderrechten in den Fokus.

Pädagogik im Alltag stehe vor der Herausforderung, zwischen dem Recht der Kinder auf Selbstbestimmung, Beteiligung und der Wahrnehmung der erwachsenen Verantwortung im Sinne der Kinderrechte zu unterscheiden, und die verschiedenen Aspekte je nach Situation und Einzelfall abzuwägen.

Auf die Frage „Dürfen Kinder jetzt alles selber entscheiden?“ fand Maywald eine treffende Antwort: „Wenn Kinder alles selbst entscheiden können, brauchen wir keine Kinderrechte. Gerade weil Kinder nicht alles selbst entscheiden können und wollen, gibt es spezifische Rechte für Kinder.“ Darüber hinaus definiere Artikel 5 der UN-Kinderrechtskonvention die elterliche Verantwortung, das Kind entlang seiner ihm zustehenden Rechte und Fähigkeiten zu leiten und zu führen.

Der Referent plädierte für ein ganzheitliches kinderrechtsbasiertes Konzept für Kindergärten, und betonte die Untrennbarkeit und die wechselseitige Abhängigkeit von Kinderrechten auf Schutz, Förderung und Beteiligung. „Schutz braucht Beteiligung und Beteiligung braucht Schutz.“, so Maywald. Beispielsweise seien Kinder, die ihre Rechte kennen, die sich äußern können, gehört werden und die Erfahrung machen, dass sie Einfluss nehmen können, besser geschützt. Umgekehrt sei es ein Schutzaspekt im Zusammenhang mit dem Recht des Kindes auf Beteiligung, dass es keine negativen Konsequenzen erfährt, wenn es seine Meinung äußert.

Der Referent wies auf das asymmetrische, nicht partnerschaftliche Verhältnis von Kindern und Erwachsenen hin. Erwachsene tragen Verantwortung für Kinder und nicht umgekehrt. Machtunterschiede zwischen Kindern und Erwachsenen seien nicht nur unvermeidbar, sondern auch erforderlich. Allerdings müssen nach Maywald die Erwachsenen ihre Machtmittel und ihren Wissens-und Erfahrungsvorsprung konsequent im Interesse der Kinder einsetzen.

Workshops

In den Workshops konnten die teilnehmenden Pädagoginnen und Pädagogen die Sensibilisierung für Kinderrechte anhand pädagogischer Sichtweisen, Methoden und Materialien praktisch erfahren.

Der Workshop „Ich sag dir mal was“ von Jeanette Münch, Kinder-und Jugendbeauftragte des Bezirksamts Pankow, behandelte Missverständnisse in der Kommunikation mit Kindern, Eltern und im Team und ermunterte die Teilnehmenden, die eigene Stimme, den eigenen Körper und den eigenen Ausdruck wahrzunehmen und etwas über deren Auswirkungen im Kontakt mit anderen Menschen zu erfahren.

Elisa Bönisch und Stefanie Drescher vom Deutschen Kinderhilfswerk e.V. diskutierten mit den Teilnehmenden über „Kinderrechte, Vielfalt und Mitbestimmung im Kindergarten“. Die Referentinnen stellten Methoden und Praxismaterialien für die kindgerechte Beteiligung und Demokratiebildung vor.

Für Kinder ist es wichtig, sich die Welt handelnd zu erschließen. Das Spiel stellt für jüngere wie ältere Kinder eine der wichtigsten Lernformen dar. „Es ist mein Leben, das ich spiele“ war der Titel eines Workshops, der sich mit der Umsetzung des Rechts auf Spiel im Kindergarten (Artikel 31 der UN-Kinderrechtskonvention) befasste. Die Workshopleiterinnen Antje Grübnau und Andrea Czymoch unternahmen mit den Teilnehmenden eine interaktive Reise durch das Spiel und diskutierten die Frage „Wollen wir Pädagoginnen und Pädagogen, dass die Kinder spielen?“

„Wenn ich in der Kita Chef wäre, dann…“ ist sicher ein interessantes Gedankenexperiment für die Kinder. Im Workshop der Pädagoginnen Katrin Neubert und Antje Schröder informierten sich die Teilnehmenden über das Ideen- und Beschwerdemanagement für Kinder und insbesondere über die Frage, welche Voraussetzungen Kinder brauchen, um sich beschweren zu können.

Wer bestimmt was im Kindergarten? Wer weiß was oder kann fragen? Im Workshop „Macht macht doch nichts! Oder doch?“ von Jeanette Münch wurden Themen des pädagogischen Alltags, wie Essen und Schlafen, näher betrachtet.

Die Pädagogin Heidi Lube untersuchte in ihrem Seminar „Kinderschutz und alltagsintegrierte Spracharbeit in der offenen Arbeit“ die Voraussetzungen für gelingende Kommunikation im Kindergartenalltag. Im Mittelpunkt standen dabei die Sprache im Team als Möglichkeit, Kinderrechte zu sichern und die Grenzen der Kommunikation im Kindergartenalltag. Ein weiterer Schwerpunkt wurde auf Sprache, Macht und Missverständnisse in der Kommunikation gelegt.

Ein großes Dankeschön an alle, die mit ihrem Engagement zum Gelingen dieser Veranstaltung beigetragen haben. Wir freuen uns auf den kommenden Bildungstag im Herbst 2019.

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