Fachtag | 26.10.2017

Objekte aus Papier

Mit "ästhetischer Bildung" zu Selbstwirksamkeit und Resilienz

110 Pädagoginnen und Pädagogen diskutierten auf dem "12. Bildungstag" das Potential von kreativen Erfahrungen im Kindergarten.

Schwere Papierrollen, helles Backpapier und Taschentücher. Als die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die fünf Workshopräume betraten, waren diese beinahe leer. Fast alle Tische und Stühle waren zur Seite geräumt. Weiße Materialien aus Papier und Zellstoff warteten im ganzen Raum auf ihren Einsatz. Dass diese nicht sortiert auf einem Tisch bereitlagen, war Absicht. "Es geht heute um Ihre Erfahrung, um Ihre Kommunikation mit dem Material und mit sich selbst", begann der Workshopleiter und Professor für Elementare Ästhetische Bildung an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin, Prof. Dr. Christian Widdascheck. Er forderte die Runde auf, die Papiere zu fühlen, zu nehmen, zu formen und dabei möglichst nicht zu sprechen. Ein Thema oder eine Zeitvorgabe gab es nicht.

Mit den kreativen Workshops begann der "12. Bildungstag" der Kindergärten NordOst im ABACUS Tierpark Hotel in Friedrichsfelde am 12. Oktober 2017. 110 Pädagoginnen und Pädagogen kamen an diesem Tag zusammen, um sich in Workshops und im Fachaustausch mit Künstlern und Wissenschaftlern der Frage zu nähern: "Ist ästhetische Bildung (nur) Basteln?" Dass es hierbei um mehr geht als das Basteln mit Schere, Knete und Papier wurde den Beteiligten schnell klar.

Bastelndes Kind
Der "12. Bildungstag" eröffnete den Teilnehmerinnen und Teilnehmern eine neue Perspektive auf das "Basteln" im Kindergarten.

Prof. Dr. Christian Widdascheck: In den Workshops konnten wir etwas Spannendes beobachten: Nach der ersten kreativen Euphorie trat etwas wie Langeweile, Frust und Unsicherheit ein. Was jetzt? Bin ich schon fertig? Habe ich das richtig gemacht? Als Erwachsene gehen wir in der Regel mit einer gewissen Vorstellung an eine solche Aufgabe. Bei ästhetischer Bildung geht es immer wieder darum, seine Vorstellungen loszulassen. Es geht auch darum, sich davon zu lösen, etwas leisten zu müssen. Gerade in unserer beschleunigten Gesellschaft sind wir daran gewöhnt, permanent und in kürzester Zeit etwas zu leisten. Doch wenn wir zu schnell werden, lassen wir uns selbst und die Welt zurück. Ästhetische Bildung will das ganze Gegenteil.

Papierrollen
In den kreativen Workshops standen vielfältige helle Materialien aus Papier und Zellstoff bereit. Auch Faden, Wolle und Wasser kamen zum Einsatz.

Michael Witte, Pädagogischer Geschäftsleiter der Kindergärten NordOst: Ästhetische Bildung ist beinahe eine Lebensform und Bestandteil der Kultur eines jeden Einzelnen. Diese Kultur ist geprägt von bestimmten Werten, Normen und Traditionen. Diese wirken aus der Familie und Umgebung in den Kindergarten hinein und aus diesem nach außen zurück. Ästhetische Bildung gibt der Vielfalt an Kulturen Raum zur Entfaltung und Gestaltung. Sie knüpft damit an den Grundrechten von Menschen an, in deren Mittelpunkt die freie Entwicklung eines jeden Kindes steht.

Ein mit Papier umwickelter Stuhl
Vorhandenes Mobiliar wurde in die Arbeiten in den Workshops integriert.

Ute Kühne, Kita-Beraterin der Kindergärten NordOst (Spezialgebiet Kinderschutz): Manchmal erscheint uns ästhetische Bildung im Kindergarten wie ein "Anhängsel" oder eine zusätzliche Aufgabe. Dabei wird ihre Bedeutung unterschätzt. Mit der ästhetischen Perspektive auf Bildungsprozesse schaffen wir in den Kindergärten den "Raum" und die Möglichkeit für die Kreativität und Teilhabe der Kinder in allen Bereichen des Alltags. Ästhetische Bildung wirkt damit inklusiv. Sie fördert nicht nur die Selbstwirksamkeit der Kinder, sondern auch die Fähigkeit zu Resilienz.

Wie lässt sich ästhetische Bildung im Kindergarten umsetzen?

Im offenen Fachdialog am Nachmittag reflektierten die Pädagoginnen und Pädagogen gemeinsam mit den beteiligten Künstlerinnen und Wissenschaftlerinnen die Erfahrungen aus den kreativen Workshops und den Impulsvortrag zum Thema von Prof. Dr. Widdascheck. Welche Wirkung hat ästhetische Bildung auf die Kinder? Wie lässt sich ästhetische Bildung im Kita-Alltag umsetzen? Wie können die Eltern eingebunden werden? "Wir sind im Kindergarten schon weiter als später die Grundschulen. Wir haben kein Leistungssystem und bewerten künstlerisches Gestalten nicht", sagte eine Pädagogin. "Ergebnisse sind nicht unwichtig. Aber was definieren wir als Ergebnis? Es geht also darum, eine Ergebnisoffenheit zu entwickeln. Wenn wir das kreative Tun selbst als Ergebnis definieren, sind wir der ästhetischen Bildung sehr nahe", sagte Kita-Beraterin Kühne.

Neben einer neuen Perspektive auf das "Basteln" braucht es Geduld, Offenheit, Teamwork und eine vertrauensvolle Elternkommunikation, damit ästhetische Bildung gelingen kann. Hierin war sich die Runde einig. Nicht unbedingt braucht es einen extra Funktionsraum, teure Materialien oder aufwendige Dokumentationen. Es gilt, weniger ist oft mehr. Über die Sinne zum Sinn kommen: mit einfachen Materialien, viel Freiraum und einem neuen Verständnis für kreative Prozesse.

Herr Widdascheck spricht vor Teilnehmenden des Seminars
Im offenen Fachdialog diskutierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gemeinsam mit Prof. Dr. Widdascheck die Potentiale und Voraussetzungen von ästhetischer Bildung im Kindergarten.

Beteiligte aus den Bereichen Kunst, Design und Wissenschaft:
Katja Fillmann, Cristina Sahuquillo Martínez, Ria Siegert und Julia Steinman

Mehr Informationen und Kontakt:
Ute Kühne (Kita-Beraterin, Spezialgebiet Kinderschutz)
Telefon: (030) 42080 7857
E-Mail: kitaberatung-2[at]kigaeno.de

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